Weshalb erscheint Krieg uns so merkwürdig „normal“?

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Weshalb erscheint Krieg uns so merkwürdig „normal“?

Beitragvon Merkur » Montag 5. September 2022, 15:47

Es geht hier nicht um Politik! Ich suche als Biologe nach möglichen biologischen Grundlagen für Krieg als ein so allgemein verbreitetes Verhaltensmuster in der Menschheit.

Die jüngsten Ereignisse in Europa haben mich sehr nachdenklich gestimmt.
100 000 000 000 (Hundert Milliarden) Euro „Sondervermögen“ allein für die Bundeswehr.
Unsummen werden europa- und weltweit permanent für Rüstung und Kriege aller Art ausgegeben.
Ressourcen aller Art, Metalle, Kampfstoffe, Treibstoffe für Vorbereitung (Manöver, Training von Piloten etc.) und Durchführung von Kriegshandlungen werden verschwendet.
Energie in jeglicher Form wird grenzenlos verschleudert, Klimagase werden hemmungslos in die Atmosphäre geblasen (z.B. Abfackeln von Erdgas!), Schadstoffe, selbst radioaktive Materialien,
werden in die Umwelt entlassen.
Gut und teuer ausgebildete und meist junge Leute werden zu Zigtausenden getötet oder zu Krüppeln geschossen.
Inzwischen sind "wir" in der Lage, die zivilisierte Menschheit, uns selbst, auszulöschen. --
Ist das alles als „vernünftig“ zu betrachten?
Hat sich Linné geirrt, als er unsere Art „Homo sapiens“ nannte, den „Weisen Menschen“?

Die Menschheitsgeschichte, so weit sie aufgezeichnet oder aus archäologischen Befunden rekonstruiert wurde, ist eine Abfolge von Kriegen und ähnlichen Auseinandersetzungen.

Je mehr ich darüber nachdenke, desto deutlicher wird mir, dass die innerartliche Aggression, intraspezifische Konkurrenz, tiefe Wurzeln in der Evolution des Lebens hat.
Konkurrenz zwischen Arten ist uns selbstverständlich. Doch die Konkurrenz zwischen Artgenossen, innerhalb einer Art, „Kampf“ um Lebensgrundlagen, Nahrung, Partner, Lebensraum etc.
erscheint mir zunehmend wichtiger für die „Höher-“ bzw. Weiterentwicklung jeder Spezies, auch des Menschen!

Wenn ein männlicher Löwe ein Rudel übernimmt, indem er den alten Pascha umbringt oder vertreibt, tötet er umgehend die Jungtiere. Als Folge ovulieren die Weibchen früher wieder, und tragen Nachwuchs des neuen Chefs aus. - In aller Unschuld: Die Weibchen wehren sich nicht, die Männchen handeln nach einem angeborenen, instinktiven Schema. Die genetische Grundlage für das Verhalten wird damit in die Folgegeneration weitergegeben. Ein „friedliches Verhalten“ gegenüber adoptierten Jungtieren des Vorgängers würde zu geringerem Fortpflanzungserfolg des neuen Chefs führen, hätte folglich keinen Selektionsvorteil.
Ähnliche Beispiele lassen sich in der Literatur in großer Zahl finden; es würde zu weit führen, hier auf weitere eklatante Fälle intraspezifischer Konkurrenz einzugehen.

Ich bin überzeugt, dass hier die biologische Grundlage für die Häufigkeit und zunehmende Effektivität von Kriegshandlungen beim Menschen zu finden ist!
„Schon immer“ haben Menschengruppen andere, „schwächere“, verdrängt, unterworfen, ausgelöscht.
Hier kommt ein uraltes Prinzip der Evolution zum Tragen. Es dürfte bereits zwischen den ersten zu einer Reproduktion fähigen organischen Molekülen, bei den erste Bakterien, Zellen, Mikroorganismen usw., aufgetreten sein und deren „Höherentwicklung“ ermöglicht haben: Bereits wenn man die Grundstoffe für die Synthese der eigenen Proteine nicht mehr mühsam zusammensammeln und -bauen muss, sondern sie durch „Verdauung“ von Konkurrenten und Einbau in den eigenen Körper gewinnen kann, ist das ein „Fortschritt“, ein Selektionsvorteil! - Auch wir tragen Gene für intraspezifische Konkurrenz in uns!

Weshalb der Homo „sapiens“ so erfolgreich in der Zerstörung seiner Umwelt und seiner Lebensgrundlagen wurde, liegt dann wohl zu einem beträchtlichen Teil an der gigantischen Steigerung seiner Fähigkeiten,
diesen Trieb zur intraspezifischen Konkurrenz auszuleben.
Die Grundlage für die übersteigerte Entwicklung unserer Konkurrenzfähigkeit ist ein eigenes Kapitel. Es hängt mit der Entwicklung einer differenzierten Sprache zusammen. Damit wurde Tradition von Wissen möglich, sowie rasche Verbreitung des Wissens um „Verbesserungen“, sehr viel rascher als eine Evolution auf genetischer Basis. - Ich will hier nicht weiter darauf eingehen...

Das Einzige, was uns von den primitiven Einzellern bis hin zu den höchstentwickelten nichtmenschlichen Primaten unterscheidet, ist die Fähigkeit, solche Zusammenhänge zu verstehen!
Doch scheint es bisher den meisten Menschen an dieser Fähigkeit zu mangeln, oder gar dieses Verstehen in entsprechendes „weises“ Handeln umzusetzen.

„Konflikt mit den USA - Chinas Armee rüstet sich für den Kampf“ Heute in den Nachrichten .
„Schwächen der chinesischen Armee: fehlende Kampferfahrung und Innovation“
Es braucht also Krieg um Krieg führen zu können. :crazy:

- Ich weiß nicht, wie weit Euch dieses Thema interessiert, ob Ihr die derzeitigen Nachrichten zum weltweiten Säbelrasseln verfolgt. Mich stimmt das alles sehr nachdenklich, leider ohne dass ich Aussicht auf eine grundsätzliche Änderung erkennen kann. :(
Homo sapiens“? Oder doch eher „Teleutanthropus suicidalis“ (der selbstmörderische Endmensch)?
MfG,
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Re: Weshalb erscheint Krieg uns so merkwürdig „normal“?

Beitragvon Teleutotje » Sonntag 11. September 2022, 22:48

It does not sound good to link this page here: viewtopic.php?f=31&t=2116 . But maybe the original file helps: https://www.tapatalk.com/groups/antfarm ... t5177.html , esspecial the discussion later on.....
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Re: Weshalb erscheint Krieg uns so merkwürdig „normal“?

Beitragvon Merkur » Donnerstag 10. November 2022, 12:31

Das Titelthema bewegt mich weiterhin recht intensiv.
Nun sind im GEO Magazin zwei einschlägige Artikel erschienen, die mich zu einer Reaktion veranlasst haben. Vielleicht liest jemand das GEO, ansonsten kann man es z. B. in öffentlichen Bibliotheken einsehen,
oder evtl. das Heft separat kaufen.

Zu den Beiträgen in GEO 10-2022 (erschienen im September 2022) unter dem Thema Pazifismus habe ich einen Leserbrief formuliert. Dieser ist jetzt in gekürzter Form abgedruckt worden,
doch immerhin mit einigen wesentlichen Inhalten.
Ich vermisse in vielen Diskussionen zu menschlichem Verhalten den Blick auf biologische Grundlagen und Fakten; sie werden generell weitgehend ausgeblendet.

Bild 1 zeigt die Doppelseite 8 – 9 „Resonanz“ mit meinem Leserbrief.
1-GEO-Leserbr.im-Heft-4-.jpg
Kopie aus dem Heft

Bild 2: Mein Leserbrief, eingereichte Version, ist ausführlicher als die gedruckte Fassung!
Insbesondere der letzte Satz, das Fazit, wäre mir wichtig gewesen.
2-GEO-Leserbrief-Original2.jpg
Mein Text
Es darf gerne diskutiert werden!

MfG,
Merkur
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Re: Weshalb erscheint Krieg uns so merkwürdig „normal“?

Beitragvon fink2 » Sonntag 13. November 2022, 20:59

Ich hoffe nicht das jetzt wieder ein Admin, der sonst das ganze Jahr nichts schreibt, jetzt wieder reingrätschen muss, um diesen Beitrag zu sperren. (weitere Kommentare spare ich mir)

Zum Thema, das kommt mir so vor, wie wenn ich einer Ameise die Welt erklären wollte, ich kann es nur mit den Sinnen die mir zur Verfügung stehen, eine Ameise wird Wärme und Kälte, Pheromone, Licht, Sonne und viel mehr, ganz anders wahrnehmen. Und genau so verhält es sich meiner Meinung, einen Menschen nur auf die Biologie zu reduzieren. Das ist zu einfach, zu verkürzt. Der Mensch ist mehr wie ein Nackter Affe und unsere Handlungen sind nicht rein von unseren Genen ableitbar. Da gibt es noch mehr, auch wenn wir das mit unseren Sinnen nicht erfassen können.

Ich weiß nicht, ein Krieg erscheint mir nicht normal, alleine die Vorstellung ich müsste die nächste Nacht in einer U-bahnstation verbringen, ist mir so was von Fremd. Einen anderen Mensch zu töten, so weit weg von meiner Vorstellung. Ich kann ganz gut mit anderen Menschen leben und hab keine Abneigung, auch mir komplett fremden Menschen. Konkurrenz verspüren wohl nur Menschen, die sich von anderen Menschen abheben möchten. Dieses Gefühl hatte ich nie und hab es hoffentlich nie.
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Re: Weshalb erscheint Krieg uns so merkwürdig „normal“?

Beitragvon Merkur » Montag 14. November 2022, 11:40

Hallo fink2

„Der Mensch ist mehr wie ein Nackter Affe und unsere Handlungen sind nicht rein von unseren Genen ableitbar
Bitte VOR dem Protestieren lesen, was ich geschrieben habe!
NIRGENDS habe ich behauptet, dass unsere Handlungen REIN von unseren Genen ableitbar seien. Das in meine Ausführungen hinein zu interpretieren ist absoluter Blödsinn!
Niemand wird abstreiten können, dass es biologische Grundlagen für unseren Körperbau, die Funktionen und auch unser Verhalten gibt.

„Ich weiß nicht, ein Krieg erscheint mir nicht normal, alleine die Vorstellung ich müsste die nächste Nacht in einer U-bahnstation verbringen, ist mir so was von Fremd. Einen anderen Mensch zu töten, so weit weg von meiner Vorstellung. Ich kann ganz gut mit anderen Menschen leben und hab keine Abneigung, auch mir komplett fremden Menschen. Konkurrenz verspüren wohl nur Menschen, die sich von anderen Menschen abheben möchten.“
Deine Wunschvorstellungen in allen Ehren; ich teile diese sogar!
Leider sind sie längst nicht allgemein verbreitet, sonst hätten wir keine Probleme mit Rassismus, Tötungsdelikten, Kriegen, ...

Die Anführungszeichen um das „normal“ weisen darauf hin, dass die Medien uns seit Beginn des Ukraine-Krieges mit Berichten über Kriegshandlungen, -vorbereitungen, Rüstung, Ausbildung von Soldaten usw. fluten als wäre Krieg ein unvermeidliches Naturereignis, und damit „normal“!

Die Realität sieht doch leider erheblich anders aus als das, was wir uns so sehr wünschen: Kriege durchziehen die Menschheitsgeschichte. Kann man nachlesen.
Konkurrenz: Man muss sich wohl Tomaten auf die Augen drücken um zu übersehen, dass unser ganzes Leben von Konkurrenz bestimmt wird (und das eben ganz so, wie es das Leben aller Organismen dominiert). Ein paar Beispiele habe ich in dem „Urtext“ (Bild 2) aufgeführt.
- Was sind sportliche Wettkämpfe anderes als Konkurrenz um Siegerehren??
- Was ist das Ringen um „likes“ in den sogenannten Sozialen Medien?
- Weshalb streben (fast) alle Eltern danach, ihren Kindern die bestmögliche Bildung zukommen zu lassen?
Usw.
Bitte den Schlusssatz meines Urtextes nochmals lesen und einsickern lassen: Ich fordere doch nichts anderes als dass der Mensch seinen Verstand benutzen soll, eben um die Auswüchse der angeborenen Konkurrenz zu überwinden. Das könnte der Mensch, und eben darin unterscheidet er sich von den nichtmenschlichen Organismen. Diesen fehlt die Möglichkeit zur Einsicht und damit zu einer Steuerung ihres Verhaltens.

Ich bin 1940 geboren, habe den 2. Weltkrieg mit all’ seinen Gräueln nicht „bewusst“ erlebt, das alles wurde mir erst allmählich im Lauf des Heranwachsens klar. Kleinen Kindern erscheint ja zunächst mal (fast) alles als normal, was sie erleben. Die physischen Beeinträchtigungen, etwa Mangelernährung, unzureichende medizinische Versorgung, ebenso wie die psychischen Traumata wie Verlust von Eltern, nahen Verwandten etc., machen sich oft erst im späteren Leben bemerkbar und müssen verarbeitet werden.
Wer diese Erfahrungen selbst gemacht hat, sieht das derzeitige Weltgeschehen vielleicht doch etwas anders als die Vertreter jüngerer Generationen.
Man muss gegenüber der Realität die Augen öffnen!

"...die Auswüchse der angeborenen Konkurrenz zu überwinden. Das könnte der Mensch," so habe ich es formuliert. - Das reale Problem liegt in dem "könnte": Die Einsicht gibt es bereits lange. Doch wie überzeugt man wirklich (fast*) alle Menschen davon, danach zu handeln? Bisher bleibt diese Wunschvorstellung eine Utopie.
(fast*): Jedenfalls hinreichen viele, dass sie die Unbelehrbaren im Zaum halten können.

MfG,
Merkur
PS: Das von Dir monierte Schweigen unseres Admin hat gewiss gute Gründe. Im Übrigen sehe ich ohnehin den Kollaps der Ameisenforen. Wochen und Monate lang keine Einträge: Das stimuliert nicht mehr zur Beteiligung. Insofern: Danke für Deinen Input! Der gibt mir Gelegenheit, Missverständnisse gerade zu rücken.
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