Eingeschleppte Tetramorium rotten amerikanische Ameisen aus

Eingeschleppte Tetramorium rotten amerikanische Ameisen aus

Beitragvon Merkur » Samstag 27. April 2019, 16:26

Dieser Tage erreichte mich eine E-Mail von einem Myrmekologen aus Salt Lake City, Utah: Dort hatte ich 1982 mit einem kanadischen Kollegen zusammen eine Gastameise (Formicoxenus chamberlini, früher Symmyrmica chamberlini) gesammelt. Sie lebt bei Manica mutica, dem amerikanischen Pendant zu unserer Manica rubida, war 1904 von „den river plains des Jordan-Flusses“ beschrieben, „nahe Salt Lake City“, aber nur „in einem bestimmten ten acre field“ (einer Fläche von ca. 40.000 qm), während die Wirtsart mancherorts häufig sein sollte. Jeder Hinweis auf die Lage dieses besonderen Feldes fehlte, und bis zu unserer Suche war die Gastameise dort nicht mehr gefunden worden. Zum Glück hatten wir unsere Fundorte sehr genau beschrieben, so dass der Kollege diese ohne Probleme identifizieren konnte. Aber: Weder Manica mutica noch natürlich deren Gastameise konnte er entdecken.
Der amerikanische Myrmekologe schrieb: „Es ist ziemlich sicher, dass Tetramorium immigrans die Manica mutica (und damit auch deren Gastameise) im Tal von Salt Lake völlig verdrängt hat. Sie (T. immigrans) ist nun überall extrem häufig, auch entlang des ganzen Jordan-Flusses. Ich hoffe nach überlebenden Populationen an anderen, mehr abgelegenen Orten suchen zu können. Aber ich fürchte, dass die von Manica bevorzugten, gestörten Habitate in der Nähe von Wasser exakt auch der Lebensraum von T. immigrans sind.“ Weitere Ameisenarten, die er dort antraf, waren Monomorium ergatogyna und gelegentlich Pogonomyrmex occidentalis.
Auf andere Ameisen haben wir damals weniger geachtet, aber eine Tetramorium-Art habe ich dort mit Sicherheit nicht gesehen!

Tetramorium immigrans aus der T. caespitum/impurum-Gruppe war zeitweilig als Tetramorium sp. E geführt worden, bis zur endgültigen Beschreibung durch Wagner et al.(2017).
Sie stammt aus Europa und war bereits vor 1927 nach Südamerika, sowie später nach Nordamerika eingeschleppt worden, wo sie nun im östlichen Nordamerika eine verbreitete Schadameise in Häusern ist. Es ist die dort bekannte „pavement ant“ (Pflasterameise), deren Kolonien sich im Frühjahr an Gehsteigen etc. heftige Schlachten liefern. Inzwischen ist sie auch im Westen der USA angekommen.

Was hatte uns im August 1982 nach Salt Lake City, an die Ufer des Jordan geführt?
Viele Jahre habe ich, beginnend mit der europäischen Gastameise Formicoxenus nitidulus, über diese Gattung geforscht, ähnliche Arten in Nordamerika gesammelt (u. a. in Kanada und im Yellowstone NP in den USA), die Lebensweise der einzelnen Arten untersucht, und festgestellt, dass letztlich 6-7 Arten in die Gattung gehören (vgl. Tabelle), obwohl sie ursprünglich zur Gattung Leptothorax gestellt bzw. als Symmyrmica beschrieben worden waren.
Die Deutsche Forschungsgemeinschaft hat damals genügend Vertrauen in unsere Erfahrungen gesetzt und die Suche nach der „Stecknadel im Heuhaufen“ finanziert, im Anschluss an eine Kongressreise nach Boulder, Colorado. Es war eine Herausforderung, nach einer seit 80 Jahren verschollenen Ameisenart zu suchen, und das in einer Stadtlandschaft, die sich inzwischen auf etwa 40 km den Jordan entlang und bis zu einer Breite von 20 km ausgedehnt hatte (heute ist sie noch viel größer, vgl. Google Earth).

In der Zeitschrift „Die Waldameise“, einem inzwischen eingegangenen Mitteilungsblatt der Deutschen Ameisenschutzwarte, habe ich 1990 ausführlich darüber berichtet, unter dem Titel „Trickdiebe zu Gast“.
Ich füge hier den F. chamberlini betreffenden Teil in Kopie ein, ergänzt durch neu eingescannte Farbfotos. (Falls Interesse besteht, kann ich auch den gesamten Artikel hier ins AP kopieren. Online ist er nirgends zu finden).

1-Jordan-Fx1-158.jpg
Ameisensuche am Jordan, Utah. Aus: "Die Waldameise" 3, 1990, S.40
2-Jordan-Fx2-158.jpg
Von derselben Seite unten: Übersicht der Gastameisenarten.


3-Fx-chamb.S-Lake-157.jpg
Die Fundstelle am Jordan
Abb. 8 im Originaltext, nun in Farbe.
4--Fx-chamb.S.Lake-155.jpg
Ein zweites Nest wurde gefunden
Abb. 9 im Originaltext.

5-Fx-Chamb-S-Lake-156.jpg
Es erstreckte sich unter Beton und Autoreifen
Ein zusätzliches Foto von der Fundstelle.

6-Fx nit. Kopula Feb 08.JPG
Formicoxenus nitidulus, Kopula
Hier wird eine geflügelte Gyne von einem ergatoiden (arbeiterähnlichen) Männchen begattet. Diese Art lebt in Europa in Nestern von Waldameisen (Formica spp.).
In der Gattung kommt Königinnen-Polymorphismus vor (die fertilen Königinnen können fast wie Arbeiterinnen aussehen, Übergangsformen sein, oder voll geflügelt). Zusätzlich sind auch die Männchen polymorph, können geflügelt, beim Schlüpfen flügellos, oder m. o. w. ergatoid sein. Bei jeder der Arten ist es etwas anders. Neben dem Verhalten gegenüber den Wirtsameisen war natürlich auch dieser Polymorphismus für uns besonders spannend (s. Tabelle).
Einzig von der Art Formicoxenus sibiricus aus Ostsibirien weiß man noch nichts Genaues. Die war damals, zur Zeit des Kalten Krieges, für uns noch unerreichbar.

MfG,
Merkur
  • 4

Suum cuique
Benutzeravatar
Merkur
Beirat
 
Beiträge: 2309
Registriert: Sonntag 6. April 2014, 07:52
Wohnort: Reinheim
Bewertung: 6633

Re: Eingeschleppte Tetramorium rotten amerikanische Ameisen

Beitragvon Teleutotje » Samstag 27. April 2019, 17:46

Also very good is your revisionair work on that genus...

http://www.antwiki.org/wiki/images/b/b3 ... l_1985.pdf

with this small emendation:
  • 1

Dateianhänge
Formicox corr 006.pdf
(166.24 KiB) 82-mal heruntergeladen
Teleutotje
" Tell-oo-toat-yeh "

" I am who I am , I think ... "
Benutzeravatar
Teleutotje
Mitglied
 
Beiträge: 456
Registriert: Freitag 1. August 2014, 18:01
Wohnort: Gent, Belgium
Bewertung: 600


Zurück zu Naturbeobachtungen und Reiseberichte

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: Google [Bot] und 2 Gäste

Reputation System ©'