Die Amazonenameise Polyergus rufescens

Re: Die Amazonenameise Polyergus rufescens

Beitragvon Boro » Samstag 2. Juli 2016, 08:08

"Liebe Grüße aus Dürnrohr", Kraftwerk und Müllverbrennungsanlage in Niederösterreich. Anlässlich einer Erfassung der Artenvielfalt im Gelände um das Kraftwerk konnte Sohn Roman ein paar tolle Fotos machen. Die besondere Form der Mandibeln v. Polyergus entspricht der evolutionären Entwicklung im Sinne einer vollkommenen Spezialisierung: Ungeeignet für Nahrungserwerb und -aufnahme, Brutpflege oder Bautätigkeit am Nest, besteht die einzige Funktion als effektive Waffe. Die Mandibeln werden dem Gegner durch die Cuticula in den Körper - vorzugsweise in den Kopf - getrieben. Man könnte auch sagen "gesägt", denn feine Zähnchen am Innenrand der Mandibeln kann man mit der feinen Bezahnung einer Eisensäge vergleichen. Ich finde, dass die Form der Mandibeln auch hervorragend zum Transport der geraubten Puppen über eine längere Strecke (bis 85 m) geeignet ist, wobei eine gleichbleibend hohe Laufgeschwindigkeit eingehalten wird.
Einen Nachteil hat diese Bewaffnung allerdings: Insbesondere in brutalen intraspezifischen Auseinandersetzungen aus Gründen der Konkurrenz kann man häufiger beobachten, dass auch siegreiche Individuen nicht mehr in der Lage sind, ihre Mandibeln aus dem Körper der Feinde zu ziehen. In diesen Fällen sterben schließlich beide - Sieger und Besiegter!
Wer spezielles Interesse hat, findet hier Lesenswertes: Dietrich C. O. (1995): Funktionsmorphologische Betrachtung der Mandibeln von Polyergus rufescens (LATREILLE, 1798) und Strongylognathus MAYR, 1853 (Hymenoptera:Formicidae). - Myrmekologische Nachrichten 1:33-37. Ich habe gerade festgestellt, dass es offenbar keine online-Version gibt. Ich besitze noch den Originaltext und könnte ihn bei Bedarf zur Verfügung stellen. Fotos: Roman Borovsky
L.G.
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Re: Die Amazonenameise Polyergus rufescens

Beitragvon Boro » Donnerstag 29. September 2016, 10:05

Für Polyergus rufescens war bei uns heuer ein schlechtes Jahr: Die häufigen Niederschlage während des Sommers (insbesondere am Nachmittag und Abend) haben einen guten Teil der Raubzüge verhindert. Bei Regenwetter gibt es auch bei höheren Temperaturen prinzipiell keine Raubzüge, bei einsetzendem Regen während eines Raubzuges wird dieser abgebrochen. Andererseits konnten sich zahlreiche im Einzugsgebiet v. Polyergus befindliche Serviformica-Nester "erholen" und die Zahl der nestbewohnenden Arbeiterinnen wieder aufstocken. Vielleicht nützt dieser Zustand Polyergus im nächsten Jahr...
Mit Sohn Roman konnten wir in diesem Jahr nur ein bisher unbekanntes Nest anlässlich zahlreicher Exkursionen entdecken, es handelte sich aber um einen regionalen Erstfund. Auch wenn die Art selten bzw. nur schwer zu entdecken ist (außer man trifft zufällig auf einen Raubzug!), so kann man beim Fund eines Nestes mit hoher Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, dass sich im weiteren Umfeld mindestens ein weiteres Nest befindet. Das hat mit der bevorzugten Methode der Nestgründung zu tun, indem begattete Gynen der Art mit Vorliebe den Raubzügen (meist des eigenen) Nestes folgen und nach dem Überfall auf das Wirtsnest in dieses eindringen, wobei das angerichtete Chaos die Nestübernahme sehr erleichtert.
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Re: Die Amazonenameise Polyergus rufescens

Beitragvon Boro » Freitag 30. August 2019, 14:05

2019 ist bald „Geschichte“
Polyergus rufescens beendet bei uns die aktive Phase in den letzten August- oder ersten Septembertagen und zieht sich bald darauf für etwa 9 Monate in tiefere Nestbereiche zurück. Die lange Ruhephase ist durch die Witterung vorgegeben bzw. durch die fehlende Verfügbarkeit von Arbeiterinnen-Puppen der Serviformica spp.
Die letzten Raubzüge weisen oft eine geringere Dynamik auf:
1. Mitunter wird nicht mehr die volle Truppenstärke aufgeboten, ein Teil der Amazonen verbleibt offensichtlich im Nest.
2. Die geschlossene Marschordnung wird weniger exakt eingehalten.
3. Häufig kommt es zu Orientierungsschwierigkeiten, die Marschordnung löst sich vorübergehend auf, zahlreiche Individuen laufen in alle Richtungen auseinander, bis sich schließlich wieder die Ordnung formiert.
4. Mit einer plausiblen Begründung für diese Verhaltensänderung kann ich nicht dienen. Sind die Pfadfinder inzwischen „überfordert“ oder sind erfahrene Tiere ausgefallen? Macht sich allgemeine „Erschöpfung“ nach den aufreibenden Raubzügen und einigen Scharmützeln bemerkbar? Ist der Einsatz zahlreicher Jungtiere (erkennbar an der etwas helleren Färbung und einer orange-roten Gaster) dafür verantwortlich?
5. 2019 war nach 2018 ein schlechtes Jahr für die Produktion von Geschlechtstieren (vor allem Weibchen), der Mai war zu kalt.
Die Art ist in Kärnten laut H. C. Wagner (Die Ameisen Kärntens, 2014) stark gefährdet. Ich beabsichtige im nächsten Jahr eine neue Verbreitungskarte der Art für Kärnten zu erstellen. Dabei bin ich auf Hilfe einiger sehr engagierter Mitglieder des Naturwiss. Vereins angewiesen. Allein könnte man das kaum bewältigen, da die Suche nach Nestern extrem zeitaufwändig und schwierig ist. Viele Nester sind nur kurzlebig, die eigene Art sorgt für deren Vernichtung aus Konkurrenzgründen. Ein einziges Nest wurde bekannt, das gewaltige Dimensionen aufwies, vorübergehend wurden an die 2000 Amazonen grob gezählt. Trotz späterer Rückschläge existierte es mindestens 15 Jahre (!), bis offenbar die Königin starb.
Auch andere bei uns geschützte bzw. bedrohte Arten sollen in die Neubewertung (auf Basis von H. C. Wagner, 2014) einbezogen werden:
viewtopic.php?f=31&t=264&p=10778&hilit=Tierschutzverordnung&sid=4ae238ccfc65dad694230df787c744ce#p10775
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Das war einer der letzten Raubzüge, bald kehrt Ruhe ein
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