"Golden Oldies" - zur Ameisenhaltung

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"Golden Oldies" - zur Ameisenhaltung

Beitragvon Merkur » Sonntag 4. Oktober 2020, 11:25

„Golden Oldies“

Teleutotje hat den Begriff hier im AP eingeführt, hier, und hier.
Ich möchte daran anknüpfen und weitere „historische“ Artikel einkopieren, u.a. auch um sie gelegentlich zitieren zu können.

Die Königin von Lasius niger, die in der Haltung 28 ¾ Jahre alt wurde, wird immer wieder zitiert.
Dies geschah nicht, wie oft falsch angegeben, im Labor. Hermann Appel, hat Ameisen als Hobby gehalten, zu Hause! Der hier eingescannte Artikel dazu, von H. Kutter und R. Stumper vorgetragen auf einem Kongress in Bern 1969, enthält alle bekannten Angaben, auch über die anderen von ihm gehaltenen Ameisen. Eine beeindruckende Lektüre, die ich vor allem den jungen Ameisenhaltern ans Herz legen möchte!
Die International Unionfor the Study of Social Insects (IUSSI) hat damals noch mehrere Sprachen akzeptiert. Inzwischen dominiert Englisch.

Appel-L.-niger-1.jpg
Titelblatt des Sonderdrucks aus dem Kongressbericht
Appel-L.-niger-2.jpg
1. Seite
Appel-L.-niger-3-4.jpg
2. und 3. Seite
Appel-L.niger-5-6.jpg
4. und 5. Seite
Die Kopien sind von einem mir von H. Kutter zugesandten "Sonderdruck".

>>Zum Diskussionsthread<<

MfG,
Merkur

Edit 17:10:
Da dieser Artikel so viel Interesse erweckt (mit Recht!), noch eine kleine Ergänzung, eine Frage, die mich recht lange bewegt hat: Der Jahresrhythmus! Aus den mir zugänglichen Informationen geht nicht hervor, ob die Lasius niger-Kolonie jemals Geschlechtstiere aufgezogen hat. Auch wird nirgends eine Temperaturabsenkung im Winter erwähnt. Hat er sie „warm durchgepflegt“??
Die wahrscheinlichste Erklärung dürfte sein, dass Appel seine Ameisen, ebenso wie einen Bienenstock, „auf dem Fensterbrett“ stehen hatte.
Nun muss man sich die damaligen Verhältnisse vor Augen halten: Üblicherweise stand in einem Zimmer ein Kohleofen, gleich neben der Zimmertür. Ob er Doppelfenster hatte, ist unbekannt, doch vermutlich nicht, und sicher gab es keine Zentralheizung. - So herrschte im Winter immer einen Temperaturgradient; am Fenster war es kalt, „Eisblumen“ kenne ich noch aus meiner eigenen Jugendzeit. Die Ameisen und die Bienen dürften tatsächlich unter einem recht ausgeprägten Temperatur-Jahreszyklus gelebt haben, vielleicht nicht perfekt, aber immerhin! - Meine eigenen Erfahrungen mit der Haltung von Ameisen in tages- und jahreszeitlichen Wechseltemperaturen haben mich auf diese Erklärung gebracht.
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Zuletzt geändert von Merkur am Sonntag 4. Oktober 2020, 16:44, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: "Golden Oldies" - zur Ameisenhaltung

Beitragvon Merkur » Sonntag 4. Oktober 2020, 16:30

Zur Lebenserwartung von Ameisenköniginnen

Zu dieser Geschichte möchte ich gleich eine weitere nachlegen, wo es um eben diese uralt gewordene Königin geht Über sie habe ich 2004 in der Zeitschrift der Deutschen Ameisenschutzwarte berichtet.
Da geht es auch noch um weitere langlebige Ameisenarten. Nicht unbedingt ein „Oldi“, aber m. E. doch auch lesenwert für die damals noch ungeborenen Ameisenjünger. ;)

Bu-Königin-1.jpg
Lang lebe die Königin! - S. 83
Bu-Königin-2-3.jpg
S. 84-85
Bu-Königin-4-5.jpg
S. 86-87
Bu-Königin-6.jpg
S. 88

Ergänzend sei noch auf einen Thread im Forum der DASW hingewiesen, wo eine journalistische Abwandlung von Daten und Fakten zum Thema richtig gestellt wird:
Die „Schwarze Waldameise“ gibt es zwar nicht, aber im stern Nr. 37, vom 4.9.08, ist ein Artikel über Ameisen, „Eine für alle“, ab S. 52, wo diese Art erfunden wird.
Einige gute Bilder sind zu sehen, Hubert Fleischmann und der Arbeitskreis Not- und Rettungsumsiedelungen der Deutschen Ameisenschutzwarte werden gewürdigt. Die meisten Informationen sind akzeptabel.

Allerdings:Bald schon, nachdem im Frühsommer eine geflügelte Jungkönigin geschlüpft ist, entschwebt sie zum Hochzeitsflug. Dabei begattet sie die ebenfalls geflügelten Ameisenmänner aus anderen Nestern.“ Das habe ich mir doch immer umgekehrt vorgestellt . War der Schreiber etwa vom Titelbild dieser Stern-Ausgabe inspiriert?

Und zur Lebensdauer einer Königin: Den Rekord hält eine Königin der Schwarzen Waldameise, berichtet (Prof.) Laurent Keller von der Universität Lausanne, sie lebte in einem Schweizer Labor und wurde 28 Jahre alt.
Gemeint ist natürlich jene weltberühmte Königin der Schwarzgrauen Wegameise (Lasius niger), die aber nicht in einem Schweizer Labor ihr biblisches Alter von 28 ¾ Jahren erreichte, sondern in Werste bei Bad Oeynhausen (NRW), im Hause des an den Rollstuhl gefesselten Ameisenliebhabers und Hobby-Halters H. Appel. Nachzulesen in der Ameisenschutz aktuell 2004, Nr. 3, S. 83-87.

Viel Spaß beim Lesen wünscht
A. Buschinger
>>Zum Diskussionsthread<<
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Re: "Golden Oldies" - zur Ameisenhaltung

Beitragvon Reber » Sonntag 4. Oktober 2020, 21:56

Danke für den Faden Merkur!
Das Folgende ist jetzt nicht soooo goldig wie die vorangehenden Beiträge. Auch weil es einige Fehlinformationen, oder nicht ganz richtiges enthält. Aber es ist schon ein Klassiker, zumindest für mich. Denn als ich mit der Ameisenhaltung angefangen habe, gab es noch kein Internet. Naja, zumindest nicht bei uns. ;) Nicht mal ein PC war damals in unserem Haushalt vorhanden. Dafür gab es Bücher. Und eines meiner liebsten war ein Lehrbuch für Biologie für die Mittelschule, namens "Tierkunde", welches ich aber bereits in der Grundschule geschenkt bekam. Die Auflage, die ich heute noch besitze, stammt von 1966. Gelesen haben muss ich das Buch ca. 25 Jahre später... Und darin enthalten war tatsächlich eine Anleitung zur Ameisenhaltung! Konkret zum Fang von Myrmica rubra und zum Bau eines Gipsnestes! Für mich ermöglichte der Nachbau eine ganz neue Qualität der Ameisenbeobachtung! Sogar den gebrannten Ocker (um das Nest einzufärben) habe ich mir damals in der Drogerie geholt...

Tierkunde Ameisen 1.jpg
Tierkunde Ameisen 2.jpg
Tierkunde Ameisen 3.jpg
Tierkunde Ameisen 4.jpg
Tierkunde Ameisen 5.jpg
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„Doch vor allen Dingen:
Das worum du dich bemühst,
möge dir gelingen.“
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Re: "Golden Oldies" - zur Ameisenhaltung

Beitragvon Merkur » Montag 5. Oktober 2020, 17:07

Auguste Forel 1848-1931

Der Schweizer Arzt, Naturforscher und Sozialreformer Auguste Forel war auch einer der ganz großen Ameisenforscher. Unter anderen war Heinrich Kutter einer seiner "Schüler".
Eine ausführliche Darstellung seines Wirkens findet sich hier.
Die Ameisen kommen darin etwas kurz weg. Immerhin hat er gegen 3.500 neue Arten, Unterarten und „Varietäten“ beschrieben. Wohl die meisten hat man ihm aus aller Welt zugesandt.
Zur Zeit seiner ersten Publikation (1869) waren es ganze 1.259; 1910 gab er an, dass 6011 Arten bekannt seien.
Herrn Rüdiger Wehner, dem bekannten Zürcher Zoologen (Sinnes- und Neurobiologie von Ameisen, u.a. Orientierung von Cataglyphis, Lehrbücher der Zoologie) habe ich ein Exemplar des
Ausstellungbandes von Rolf Meier zu einer Ausstellung über Forel 1986 in Zürich zu verdanken ( Inhaltsverzeichnis).

1-Forel-Ausstell.Titelbl.jpg
Titelbild
Eine Seite daraus füge ich hier an:
2-Forel-Reisen.jpg
Die Reise nach Kolumbien
Forel hat auch eigene Reisen unternommen, von denen er Ameisen mitbrachte. Ganz entzückend ist die Schilderung seiner Reise u.a. nach Kolumbien, mit einer Karikatur, die ihn im Urwald zeigt.
Man kann sich heute nicht mehr so recht vorstellen, wie das Reisen damals verlief. Also lest es nach!

Weltkarte-mit-Herkunft-der-.jpg
Aus dem Ausstellungsband

Eine von Forels zahlreichen Veröffentlichungen (aus 1894) habe ich aus meinen Beständen kopiert. Hier geht es um den Polymorhismus von Ameisen, u.a. über ergatomorphe Königinnen und Männchen.
Gerade die flügellosen Königinnen, ergatomorph (in Arbeiterinnengestalt) oder intermorph (gestaltlich zwischen Königin und Arbeiterin) haben mich selbst in der Forschung ja über lange Zeit beschäftigt;
im AWiki gibt es dazu einige Beiträge.

3-Forel-Polym.-1.jpg
Über den Polymorphismus... S. 142

4-Forel-Polym.-2.jpeg
S. 143

5-Forel-Polym.-3.jpg
S. 144
Z. B. letzte Zeile: „Gattung Tomognathus; Fortpflanzung nur durch Parthenogenese“ - Heute ist das Harpagoxenus, mit der Art H. sublaevis, die sowohl geflügelte als auch ergatomorphe bis intermorphe Königinnen hat. Die zweite bekannte Art, H. canadensis, hat aussschließlich gynomorphe, also voll geflügelte Gynen.

Forel Polym. 4.jpeg
S. 145

Forel polym.5.jpeg
S. 146

Forel Polym.6.jpeg
S. 147

Der Stil der Argumentation, Erörterung der Befunde, kommt uns jetzt, 125 Jahre später, schon etwas altertümlich vor. Doch inhaltlich war vieles bereits „richtig“ gedeutet. Und gegenüber modernen Veröffentlichungen mit allen ihren Akronymen und Formeln etc. ist das Lesen geradezu erholsam, zum Teil auch unterhaltsam!

MfG,
Merkur
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Re: "Golden Oldies" - zur Ameisenhaltung

Beitragvon Merkur » Dienstag 20. Oktober 2020, 20:03

C. Baroni Urbani 1971: Katalog der Formicidae-Arten Italiens

Nicht wirklich alt, erst knapp 50 Jahre, ist eine umfangreiche Arbeit von Cesare Baroni Urbani aus Italien, der zuletzt in Basel tätig war. Die Veröffentlichung von 1971, die ich hier vorstellen möchte, ist tatsächlich online!

Es ist eine erste gründliche Übersicht der Ameisenfauna eines europäischen Landes, Italien, 287 Seiten schwer, in Italienisch (was man relativ leicht verstehen kann), mit taxonomischer Geschichte aller behandelten Arten, Verbreitungsangaben in Italien, und für mich damals äußerst hilfreich: mit den Originalbeschreibungen aller Arten in Originalsprache! Für viele Arten war das Lateinisch, aber mein Abi war da noch nicht so lange her, und in den höheren Klassen hat mir die Sprache sogar Spaß gemacht, dank guter Lehrer! Nicht zuletzt war das umfangreiche Literaturverzeichnis äußerst hilfreich.

Damals, 1971, hatte ich die Promotion bereits hinter mir. Für die weitere Karriere im Hochschulbereich war es notwendig, zu forschen und zu publizieren. Aber Literaturbeschaffung war aufwendig, Internet gab es noch nicht. Einige Veröffentlichungen fanden sich in der Bibliotheken der Institute, an denen ich tätig war, andere in den Uni-Bibliotheken, viele musste man per Fernleihe über die UB bestellen. Manchmal kamen die Arbeiten erst nach Wochen oder Monaten, so dass man schon fast vergessen hatte, wozu man sie haben wollte. - Die Baroni-Arbeit habe ich (vermutlich) bei einem Antquariat gekauft. ;)

Vom reichlichen Gebrauch durch mich selbst und meine Kandidaten spricht der Einband.

a1-Baroni-Urbani.jpg
Baroni Urbani 1971 - Einband
Handschriftlich habe ich darauf einige Notizen zu Arten gemacht, die mich zu jener Zeit besonders interessierten, besonders der Sklavenhalter Harpagoxenus sublaevis, und die ehemaligen Gattungen Epimyrma und Chalepoxenus (sind ja zurzeit alle in „Temnothorax“ aufgegangen)

a2-Baroni-Urbani.jpg
Titelseite
Die Titelseite des Beitrags in der Zeitschrift der Italienischen Entomologischen Gesellschaft.

a3-Baroni-Urbani.jpg
Camponotus ligniperda
Bis in die jüngste Zeit immer wieder wird der Name der Rossameisen Camponotus ligniperda (bzw. ...us) diskutiert. Hier kann man verfolgen, wie oft die verschiedenen Autoren den Namen geändert haben. - Zuerst war es ja eine Formica herculeana, dann F. ligniperda, und dann wechselnd ...a und ...us. Nach 1971 folgte weiteres Hin und her, bis zum derzeitigen Stand, wo die Art wieder C. ligniperda heißt.

a4-Baroni-Urbani.jpg
Harpagoxenus sublaevis
Als Beispiele aus dem Text habe ich hier die Beschreibung von Harpagoxenus sublaevis einkopiert. Diese Art hat mich ja über Jahre beschäftigt: Sklavenraubzüge auf Leptothorax-Arten, Sexualverhalten, Zucht über Generationen, Königinnen-Polymorphismus (geflügelte Gynen vs. ergatomorphe oder intermorphe Königinnen, usw.).

a5-Baroni-Urbani.jpg
Epimyrma corsica
Auch die ehemalige Gattung Epimyrma hat mich und meine Kandidaten über Jahre fasziniert. Hier ist es Epimyrma corsica, von der seinerzeit ein einziges Individuum bekannt war, gesammelt auf der Insel Korsika um 1895, beschrieben 1916, als "vermutlich sozialparasitisch, Wirtsart unbekannt". Der mit „?“ angegebene Fundort „Bonifacio“ liegt ganz im Süden der Insel. Gefunden haben wir die Art dann in mehreren Kolonien weit im N Korsikas. Aber darüber habe ich bereits berichtet. Auch die auf der Seite oben genannte Chalepoxenus muellerianus haben wir u. a. am angegebenen Ort, bei den Grotten von St. Kanzian, wieder gefunden, sowie dann an vielen anderen Orten. Anders als hier angegeben „anscheinend die einzige nicht parasitische Art der Gattung“ ist sie sehr wohl ein Sklavenhalter.

Diese wirklich monumentale Arbeit von C. Baroni Urbani nehme ich noch heute gelegentlich zur Hand; sie hat mich durch fast die gesamte Zeit meiner Forschung begleitet! ;)

MfG,
Merkur
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